Jüdische Kultur in Coburg

Ehepaar Hirsch
Das Ehepaar Hirsch mit Schülern des Internats. Aufnahme aus den zwanziger Jahren
1918 Gründung eines Internats in der Hohen Straße 30 durch den Prediger der Gemeinde, Hermann Hirsch, als Reaktion auf die Erziehungsnöte der Zeit und den Niedergang mehrerer jüdischer Privatschulen in Deutschland.
1933 Hirsch bereitet die Umwandlung des Internats in eine Schule vor. Außerdem finden nach der Schließung der Synagoge (ab Mai) in der Diele des Hauses die Gottesdienste der Gemeinde statt.
1935 Offizielle Anerkennung als Volksschule. Im Frühjahr Aufnahme des Schulbetriebs. Der Unterricht wird im Oktober 1935 in das zugemietete Haus Hohe Straße 16 verlegt. Das Haus Hohe Straße 30 dient zur Unterbringung der auswärtigen Schule.

1936 Im Oktober besuchen 76 Schüler die Erziehungsanstalt. 16 kommen aus Coburg.

1938 In der Nacht vom 9. auf den 10. November werden die Schüler gezwungen, die Fensterscheiben ihrer Schule einzuschlagen. Am 10. November wird der Schulleiter Hermann Hirsch verhaftet und die Schule geschlossen.

1939 Das Ehepaar Hirsch emigriert nach Palästina. Die jüdischen Kinder sind ohne Schule. Alle Kinder werden von ihren Eltern rechtzeitig ins Ausland gebracht.

[„Von Früh bis spät bin ich Bewegung. Dafür ist es ja auch eine Arbeit, die mir Freude macht. Man kann soviel Gutes für die kleinen Menschenkinder tun. Sie haben hier richtig eine Heimstätte.“]
Der Lehrer Rudolf Kaufmann in einem Brief, zitiert aus: Reinhard Kaiser, Königskinder, Frankfurt am Main 1996

[„Vor allem ist wichtig, dass sich die Zöglinge völlig frei und ungestört fühlen und in gleichgearteter Gemeinschaft eine jugendlich unbeschwerte Zeit verleben.“]

Die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“ über die Privatschule Prediger Hirsch in Koburg, 1933

[„Den über 40 Kindern, die hier bei mir und mit mir leben, bemühe ich mich, gemeinsam mit meinen Mitarbeitern, eine lebendige und vielseitige Bildung zuteil werden zu lassen: Wissenschaft, Kunst, Kultur, Sport – alles geht nebeneinander und die Kinder haben keine unausgefüllte Minute.“]

Hermann Hirsch im Artikel „Fröhliches Lernen“

Die Erziehung des Instituts ist tatsächlich sehr vielseitig und auch auf eine mögliche Auswanderung nach Palästina zugeschnitten. Die Kinder sollen körperlich fit und mit den notwendigen handwerklichen Fertigkeiten ausgestattet sein, um sich in den neu gegründeten Staat einbringen zu können.

[„Für die Jungen ist auch schön hier im riesigen Garten. Am Abend fahren wir (…) Rad (…). Das macht großen Spaß für uns alle. Nebenbei wird natürlich auch fleißig gelernt. Es ist tatsächlich nicht einfach so viele jüdische Jungens im Zaume zu halten. Sie sind doch recht temperamentvoll und eigenwillig. Man muss soviel Energie, Strenge und Geduld aufbringen. Dafür fassen sie leicht auf und sind recht interessiert.“ ]

Der Lehrer Rudolf Kaufmann in einem Brief, zitiert aus: Reinhard Kaiser, Königskinder, Frankfurt am Main 1996

Der jüdische Friedhof auf dem Glockenberg

1873 Die jüdische Kultusgemeinde erwirbt das Friedhofsgelände.

1923 Es kommt zu ersten mutwilligen Beschädigungen. Die Täter werden nicht ermittelt.

1936 Die Stadt untersagt den Jüdinnen und Juden die Benutzung des Hauptwegs innerhalb des Friedhofes auf dem Glockenberg, der zum jüdischen Friedhof führt. Daraufhin müssen jüdische Trauergemeinden ihre Toten um den christlichen Friedhof herumtragen.

1942 Im September, nachdem die letzten Juden deportiert worden sind, beschließt die Stadt, den noch nicht benutzten Teil des jüdischen Friedhofs für die Bestattung russischer „Zivilarbeiter“, d.h. Zwangsarbeiter, benutzen zu wollen.

1943 Die Stadt beschließt, den Erwerb und die Auflassung des jüdischen Friedhofs bis zum Kriegsende zurückzustellen. Der Friedhof ist aktuell die einzige jüdische Stätte in Coburg, die noch „lebt“. Obwohl die jüdische Kultusgemeinde 1942 untergegangen ist, können immer noch auf dem von der Stadt Coburg gepflegten Friedhof Beerdigungen stattfinden, zuletzt 1988.

Einige Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zeigen zwei Hände.

Auf dem jüdischen Friedhof werden umgestürzte oder ins Erdreich versinkende Grabsteine nicht wieder aufgerichtet, da die Ursprünglichkeit der Begräbnisstätte bewahrt werden soll. Statt eines Blumenschmucks werden auf die Grabsteine Steinchen gelegt. Die Steinchen erinnern an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten. Den Toten in der Wüste wurde dadurch Ehre und Liebe erwiesen, indem man möglichst viele Steine auf ihr Grab häufte. Die Füße der Toten liegen in der Gebetsrichtung nach Jerusalem.

In Coburg liegen im oberen Teil des Friedhofs die älteren Gräber mit den Kindergräbern. Alle Grabsteine tragen bereits neben der hebräischen Inschrift auch in deutscher Sprache Angaben über den / die Verstorbene.

Das Schema der Inschriften: Der Grabschrift vorangestellt sind die hebräischen Schriftzeichen פנ (P. N). = „Hier ruht“
Danach folgen Name, Sterbedatum und weitere persönliche Angaben bzw. Würdigungen oder zumindest ein Bibelwort.

Vervollständigt werden die Inschriften mit den hebräischen Zeichen: תנצבח (T.N.Z.B.H.) = Seine/Ihre Seele möge eingebunden sein in das Bündel des Lebens.

Besondere Zeichen informieren auch über Stand, Herkunft und/oder die besonderen Tätigkeiten der Verstorbenen. Mehrere Grabsteine des jüdischen Friedhofs tragen einige dieser Symbole:

zwei Hände: sie weisen den Verstorbenen als Angehörigen des Stammes der Ahroniden aus. Diese hatten das Vorrecht auf das Priesteramt: deshalb zwei segnende Hände.

die Kanne: sie weist auf die Abstammung vom Stamm der Levi hin. Dieser war für die kultische Reinheit im Tempel verantwortlich.

Auf dem Grabstein von Adolf Gutmann erinnert ein Schofar an dessen Tätigkeit als Schofarbläser.

die Schofar: sie weist darauf hin, dass der Verstorbene als Schofarbläser tätig war. Die Schofar ist ein Widderhorn, das am Neujahrstag geblasen wird.

Auf dem Ehrenmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs finden sich noch andere Symbole:

der Davidstern: Er wird als Schild Davids bezeichnet und aus zwei ineinandergeschobenen Dreiecken geformt. Im 17. Jh. wurde er zum Wahrzeichen der jüdischen Gemeinde in Prag. Seit 1948 schmückt er die Nationalflagge Israels. Er hat verschiedene Bedeutungen. Unter anderem stehen seine sechs Spitzen für die sechs Tage der Schöpfung.

die Menora: der siebenarmige Leuchter. Die sieben Arme des Leuchters symbolisieren die sieben Weltrichtungen: Ost, West, Nord, Süd, Oben, Unten und den Standpunkt des Menschen. Außerdem die sieben Wochentage, sowie die Aufgabe, die sich das Judentum stellt: Licht für die Völker zu sein.

„Tempel, Betstube, Schul’, Bejt ha-Knesset – so vielseitig wie die Namen sind die Funktionen einer Synagoge. Hier wird gebetet und gelernt, man trifft sich mit Freunden und tauscht sich aus.“

(Nils Ederberg, Judentum verstehen. Sympathie Magazin Nr. 38,1997)

„Judenkirche“ nannte der Volksmund die von 1873 bis 1933 als Synagoge dienende Nikolauskapelle in der Ketschendorfer Straße

Die Synagoge ist ein wichtiger Ort des Gebets. Sie bildet den Mittelpunkt im jüdischen Leben. Das Wort Synagoge kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Versammlungsort“. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. entwickelten die Rabbiner die Idee eines Gebetshauses, das unter den Menschen in der Diaspora den Glauben lebendig halten sollte. Die Bedeutung des Tempels wurde nie vergessen.

Anders als bei christlichen Kirchen gibt es keine Vorschriften für die Gestaltung einer Synagoge. Ihre Architektur spiegelt häufig die Kultur des Landes wider, in dem sie steht.

(Charing, Judentum, London, 2003)

Der Innenraum aller Synagogen ist nach gleichem Muster gestaltet. Auch die jüdische Gemeinde in Coburg gestaltete nach diesem Prinzip ihre Synagoge:

Frauenbereich (in orthodoxen Synagogen gibt es eine Galerie für die Frauen)

Die Bima ist eine Plattform, von der aus die Tora verlesen wird.

Der Thoraschrein, die heilige Lade, enthält die Thorarollen. Er ist das Herzstück aller Synagogen. Er steht immer gegenüber der in Richtung Jerusalem weisenden Wand. Die Tora ist der heiligste Gegenstand des Judentums. Deshalb wird er häufig reich verziert. Die heilige Lade wird von zwei Säulen flankiert. Sie sollen an den ersten Tempel Salomos erinnern, an dessen Eingang sich zwei Säulen befanden.

Vor dem Thoraschrein brennt ein ewiges Licht.

Der Thoraschrein an der Ostwand der Synagoge

„Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns alle geschaffen?“

(Hermann Hirsch, Prediger der israelitischen Kultusgemeinde in Coburg, Bayerische Israeltische Gemeindezeitung, 1929)

1873 wird der jüdischen Gemeinde die im 15. Jahrhundert errichtete und seit 1806 unbenutzte Nikolauskapelle für ihre Gottesdienste zur Verfügung gestellt. Eine Miete wird von der Stadt Coburg nicht verlangt.

„Judenkirche“ nannte der Volksmund die von 1873 bis 1933 als Synagoge dienende Nikolauskapelle in der Ketschendorfer Straße, wahrscheinlich das einzige Beispiel der Umwandlung einer Kirche in eine Synagoge in Deutschland.

Während der 60-jährigen Benutzungszeit werden von der Kultusgemeinde mehrere Veränderungen vorgenommen, wobei es stets Rücksprachen mit der Stadt gibt. Die Kosten für diese Umbauarbeiten müssen von den Juden aufgebracht werden.

Um die Einnahmen der Kultusgemeinde zu steigern, werden Platzkarten vergeben und eine Platzgebühr festgesetzt.

In der Synagoge werden auch Konzerte abgehalten.

1923 Erste antisemitisch motivierte Beschädigungen: Fensterscheiben gehen zu Bruch.

1930 Die Gemeinde beschwert sich darüber, dass in den Vorjahren Besucher und Besucherinnen des Gottesdienstes auf dem Weg zur Synagoge belästigt wurden und bittet um polizeilichen Schutz.

1932 Erneut werden Fensterscheiben eingeschlagen. Die Gemeinde setzt eine Belohnung von 100 RM aus, um die Täter zu ermitteln – ohne Erfolg. Außerdem kündigt die Stadt den Nutzungsvertrag.

1933 Die Synagoge wird geschlossen.

Für die „Wiederherrichtung“ der Nikolauskapelle pressen die Nazis der jüdischen Gemeinde die Zahlung von 6000 RM ab. Erst nach Eingang von zwei Ratenzahlungen wird im April 1936 ein Teil des Inventars zurückgegeben.

1935 Ein Gesuch des Deutschen Jungvolks, die Kirche als Jugendheim nutzen zu dürfen, wird abgelehnt.

1962 Die Kirche wird der alt-katholischen Gemeinde zum Gebrauch überlassen.

Das jüdische Leben Coburgs zeigt sich auch in verschiedenen Vereinen, die im Laufe der Zeit gegründet werden.

Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
Es gibt eine Coburger Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die sich für die Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte und der gesellschaftlichen Gleichstellung der sowie für die Pflege der deutschen Gesinnung einsetzt.

Israelitischer Frauenverein
Die weiblichen Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde sind im 1878 gegründeten Israelitischen Frauenverein zusammengeschlossen, dessen Hauptzweck die Unterstützung hilfsbedürftiger Frauen ist.

Jüdischer Jugendverein
Die Jugendlichen der Israelitischen Kultusgemeinde haben sich im 1918 gegründeten Jüdischen Jugendverein zusammengeschlossen. Er wird 1933 auf Veranlassung der Nazis aufgelöst. Danach bildet sich eine Jugendgruppe des jüdischen Bundes „Hechaluz“ und eine Pfadfindergruppe „Makkabi Hasair“. Da sie sich für die Auswanderung nach Palästina einsetzen werden sie von den Nazis zunächst geduldet.

Verein zur Abwehr des Antisemitismus
Dieser Verein lässt sich ab 1929 in Coburg nachweisen. Unter den Mitgliedern sind auch zwei nichtjüdische Bürger Coburgs und zwar der Kommerzienrat und Brauereidirektor Clemens Avril und der Kommerzienrat und Generaldirektor Alwin Hahn.